Von Venezuela nach Wurzen und in eine „schöne Freundschaft“: Besuchs- und Begleitdienst sucht Freiwillige und Interessierte

09.06.26

Rein äußerlich sind sie ein ungleiches Gespann: Eduardo, 26 Jahre jung, gebürtiger Venezolaner, mit dunklen Walle-Locken, und die 67-jährige Ute Töpler aus Wurzen, das weiße Haar sommerlich kurz geschnitten. Aber im Herzen harmonieren die beiden wunderbar, wie in bester Oma-Enkel-Beziehung. Ihre schöne Freundschaft entspringt einer Wahlverwandtschaft, die vor etwa eineinhalb Jahren begann.

Junger Mann umarmt ältere Frau, die er im Besuchs- und Begleitdienst betreut

Ute Töpler benötigte wegen ihres gebrochenen Beins dringend Unterstützung, weshalb sie einen Hilferuf an die Pflegeberatung der Diakonie Leipziger Land schickte. Als ihr Mann im Sterben gelegen hatte, waren ihr die Kolleginnen eine wichtige Stütze gewesen. Jetzt stellten diese den Kontakt zum Besuchs- und Begleitdienst des Engagement-Zentrums her, das Ute Töpler mit Eduardo bekannt machte. Aus dessen Heimatland Venezuela sind nach Angaben der UNO-Flüchtlingshilfe rund 8 Millionen Menschen – rund ein Viertel der Bevölkerung – wegen des wirtschaftlichen Zusammenbruchs mit massiver Armut und Hyperinflation, einer der weltweit höchsten Kriminalitätsraten und politischer Repression geflohen.

Noch neu in Deutschland suchte Eduardo Gesellschaft, wollte sich nützlich machen und – zusätzlich zu seinem Halbtags-Sprachkurs – seine Deutschkenntnisse verbessern. Nach dem ersten Kennenlernen war Ute Töpler überzeugt: „Den nehme ich!“ Neben seinem Ehrenamt in der Oschatzer Bibliothek hat er seitdem ein weiteres bei der Diakonie übernommen. Fast täglich verbringen die beiden Zeit miteinander, erzählt Ute Töpler. Es werde „viel gelacht und gequatscht“. Eduardo könne sogar schon ein bisschen Sächsisch und über seine Wortschöpfungen amüsiere sie sich königlich: Einen Menschen, der Dinge schnell erledigt, „Unschnecke“ zu nennen – darauf muss man als Nicht-Muttersprachler erstmal kommen. Spiele, Radtouren und etwas Gartenarbeit stehen genauso auf dem Plan wie Ausflüge in den Spreewald, nach Hamburg, München oder Berlin. Eduardo bereitet begeistert Gerichte aus seiner Heimat zu, z. B. Hallacas – in Bananenblättern gekochtes Fleisch mit Maismehl – oder Empanadas und riesige Sandwiches. Ute Töpler, deren Mann als Fleischer früher meist das Kochen übernommen hatte, probiert diese ebenso begeistert aus: „Es schmeckt immer und ist wie eine andere Welt.“

Junger Mann mit älterer Frau, die er im Besuchs- und Begleitdienst betreut, auf einer Bank

In ihrem Bekanntenkreis ist die Offenheit dafür allerdings eher durchwachsen. Und auch Eduardo musste schon „Ausländer-raus“-Rufe auf Volksfesten hören. Sein Glaube an das Gute im Menschen ist trotz manch negativer Erfahrungen unverwüstlich. „Diese Dankbarkeit, Bescheidenheit und Aufmerksamkeit sind beeindruckend, ich lerne so viel von ihm“, erklärt Ute Töpler. Und Auch für Eduardo ist sein Ehrenamt ein Türenöffner und großer Gewinn, der das Heimweh und die Einsamkeit in einer komplett anderen, in vielerlei Hinsicht kühleren Welt lindert. Seine Mutter lebt noch immer in Lateinamerika und Eduardo freut sich, dass seine „beiden Mamas“ inzwischen via Messenger in Verbindung sind. 

Der Besuchs- und Begleitdienst vermittelt geschulte Freiwillige an Menschen mit Behinderung oder Erkrankung sowie an Seniorinnen und Senioren zur gemeinsamen Freizeitgestaltung. Der Dienst ist kostenfrei und deckt keine Haushalts- oder Pflegearbeiten ab. Neue Ehrenamtliche werden in Pegau, Grimma, Naunhof, Lossatal, Threna, Rötha und Borna gesucht. In Machern, Colditz, Geithain, Kitzen und Bennewitz wiederum stehen Freiwillige bereit: Hier können sich Interessierte melden, die den Dienst kostenfrei in Anspruch nehmen möchten. Das Engagement-Zentrum begleitet beim Erstkontakt, bietet Beratung, Unterstützung und Schulungen an.

Weitere Informationen im Engagement-Zentrum der Diakonie Leipziger Land