Dank Schulbegleitung: Besonderer Jugendlicher steht vor Realschulabschluss

04.10.19

Die Fotografin setzt Felix unter Stress. Sie ist fremd, hält sich in seiner Nähe auf und bringt den gewohnten Schulablauf durcheinander. Am liebsten würde er sich verkriechen, denn Felix ist autistisch. Zum Glück sitzt neben ihm seine Schulbegleiterin Regina Streller. Sie ist sein Anker und Ruhepol in all der Unruhe und den Anforderungen. Seit sieben Jahren ist sie an seiner Seite und hat maßgeblichen Anteil daran, dass er die Dinter-Oberschule in Borna besucht und sich wie alle anderen Zehntklässler nun auf die Realschul-Prüfung vorbereitet. „Ohne Frau Streller wären wir heute sicher nicht so weit“, sagt Felix‘ Mutter dankbar. „Wir vertrauen ihr zu 100 Prozent. Sie kümmert sich darum, dass Felix ohne Angst in die Schule kommt.“

Jugendlicher mit seiner Schulbegleiterin im Unterricht

In seinen ersten beiden Grundschuljahren war das schwierig. Die Lehrerin hatte einen Verdacht. Es folgten Termine, Wartezeiten und Anträge bei mehreren Psychologen, in der Autismusambulanz und beim Amt. Dessen erste Aussage war: „Wir haben zur Zeit niemanden für eine Schulbegleitung“. Auf der anderen Seite suchte Regina Streller Arbeit. Nach den Wende- und Kleinkinderjahren habe sie „freie Zeit und Energie“ gehabt, erzählt die gelernte Unterstufenlehrerin. Über Kontakte und den Kirchenbezirk, für den sie stundenweise immer noch arbeitet, hat sie sich dann für das neue Projekt Schulbegleitung vormerken lassen, das die Diakonie damals startete. „Keiner wusste genau, was das ist“, erinnert sich Regina Streller. Und dann ging es ganz schnell. In der letzten Ferienwoche vor dem Beginn von Felix‘ dritter Klasse kam der Anruf, dass eine Schulbegleitung für einen autistischen Jungen gesucht würde. Noch am selben Tag traf sie sich mit Felix und seiner Familie. „Sie schickt der Himmel“, soll seine Mutter gesagt haben. Die Not war groß, die Chemie stimmte und wenige Tage später ging es los.

Sie sei für Felix wie eine „Dispatcherin“, sagt Regina Streller. Driftet er in seine Welt ab, flüstert sie z. B. „Mars an Erde“ und holt seinen Fokus zurück an die Tafel. Sie erinnert ihn daran, das Mathebuch aufzuschlagen und schreibt für ihn mit, denn Multitasking ist schwierig. Über die Jahre hat sie gelernt, seine Signale zu deuten und „übersetzt“ sie für die Pädagogen. Im Lehrerzimmer gilt sie als Teil des Teams und ist hoch angesehen. „Frau Streller ist eine enorme Hilfe und sucht immer das Beste für Felix“, sagt Heike Thomas, die stellvertretende Schulleiterin. Es sei richtig schade, dass die Schule nicht noch mehr „von der Hummel“ habe. „Hummel“ – so wird Regina Streller in Borna liebevoll genannt, was deren offene und engagierte Art ganz gut beschreibt.

Ohne seine Schulbegleiterin hätte Felix wahrscheinlich eine Förderschule besuchen müssen – trotz guter Anlagen. Dass er sich so positiv entwickelt und Strategien für den regulären Schulbetrieb erlernt hat, verdankt er vor allem dem unermüdlichen Engagement seiner Familie, Lehrer – und seiner „Hummel“. Alles ergebe ein „Gesamtkunstwerk“, freut sich Regina Streller über Felix‘ Fortschritte.

Für die Zeit nach der Schule hat er ein Ziel: Er will Gärtner werden. „Felix hat sich einen Beruf ausgesucht, ein Praktikum gemacht und findet es toll“, sagt seine Mutter. „Er wird hoffentlich einen ‚normalen‘ Ausbildungsweg gehen“. Ja, man habe auch die Reha-Schiene im Blick. „Autismus hat man schließlich immer, das kann man nicht heilen. Aber mit DER Unterstützung, die wir bekommen, wird alles gut.“