Weil jeder ein Zuhause braucht: Wohnungsnotfallhilfe startet – Interview mit Sebastian Caspar vom neuen Diakonie-Projekt

19.02.2021

Obdachlosigkeit gibt es nur in Großstädten? Weit gefehlt. Auch in der Region kämpfen Beratungsstellen, Ämter, Wohnungsgenossenschaften und nicht zuletzt Betroffene selbst mit dem Problem. Um diesen Menschen am Rand der Gesellschaft zu helfen, startet die Diakonie Leipziger Land am 1. März die Wohnungsnotfallhilfe – ein Novum in der Region, wo es bisher abgesehen von Behelfsunterkünften keine konkreten Angebote für Menschen ohne Obdach gibt. Größere Städte und die meisten Landkreise in Sachsen sind da besser aufgestellt. Sozialpädagoge Sebastian Caspar möchte das ändern und wird beginnend in der Region Grimma/Wurzen ein neues Projekt für Menschen aufbauen, die von Wohnungslosigkeit betroffen oder bedroht sind.

Herr Caspar, welche Rolle spielt das Thema bei uns auf dem flachen Land?

Die meisten haben ein bestimmtes Klischee im Kopf, sie sehen einen verwahrlosten Obdachlosen vor dem Bahnhof in der Großstadt vor sich. Das Problem ist aber weitaus vielschichtiger und hier in der Region einfach nur nicht so sichtbar. Erst neulich stand zum Beispiel bei einer unserer Kirchenbezirkssozialarbeiterinnen in Grimma eine Hochschwangere vor der Tür und sagte: „Ich weiß nicht, wo ich schlafen soll.“ Mit einem fünfjährigen Kind und zwei Hunden hatte sie bisher in einem Abbruchhaus gelebt.

Helfer schenkt einem Wohnungslosen etwas zu trinken ein

Wie werden Sie mit der Wohnungsnotfallhilfe diesen Menschen ganz konkret helfen?

Unser Angebot richtet sich nicht in erster Linie an Obdachlose, die mitunter ihr Schicksal sogar selbst gewählt haben, sondern vor allem an Menschen, die von Wohnungslosigkeit bedroht sind. Ich helfe ihnen bei Anträgen, Ämtergängen oder bei der Wohnungs- und Arbeitssuche, außerdem werde ich mit Vermietern verhandeln. Das ist aufwändig und zeitintensiv. Manche sind auch einfach überfordert damit, zum Beispiel einen Umzugswagen zu organisieren. Meine Aufgabe sehe ich nicht nur darin, sie schnell in einer Notunterkunft unterzubringen. Vielmehr möchte ich den ganzen Menschen im Blick haben und das, was hinter den Problemen steht. Er soll wieder dazu befähigt werden, eigenen Wohnraum zu halten. Ich verstehe mich nicht nur als Feuerwehr für den akuten Notfall, sondern möchte – gemeinsam mit den Betroffenen – eine Perspektive für die Zukunft erarbeiten.

Was erwarten Sie von den Menschen, die zu Ihnen kommen?

Respekt und Mitarbeit. Die Betroffenen müssen bereit sein, etwas zu verändern und sich zu beteiligen. Sonst kommen die besten Hilfsangebote an Grenzen. Die sind auch dort erreicht, wo z. B. ein Abhängigkeitskranker erst einmal eine Entgiftung durchlaufen müsste, bevor irgendeine andere Maßnahme überhaupt greifen kann.

Sie waren vor Jahren bereits in der Wohnungsnotfallhilfe tätig. Können Sie anhand eines Beispiels erklären, wie Menschen ihr Zuhause verlieren?

Ich erinnere mich zum Beispiel gut an eine ältere Dame. Die Firma ihres Mannes war bankrott, er hatte sie für eine Jüngere verlassen und nach der Scheidung blieb sie auf seinen Schulden sitzen. Sie war in eine Abwärtsspirale geraten, die sie immer weiter nach unten zog. Jobverlust, Sucht, Gewalterfahrungen, Analphabetismus, Schicksalsschläge – vieles kann eine Rolle spielen und sich gegenseitig verstärken.

Das klingt so, als ob es jeden treffen kann …

Lebenskrisen sucht sich keiner aus. Manche waren im ersten Leben gestandene Geschäftsführer. Niemand gibt freiwillig seine Bleibe auf. Wer sie verliert, verliert vieles: Hygiene, saubere Wäsche, Ruhe zum Schlafen, den Briefkasten, oft auch das Arbeitsverhältnis, die Möglichkeit zu kochen und vieles mehr. Wie wichtig ein Dach über dem Kopf ist, unterschätzen wir oft. Wir halten es für selbstverständlich, dafür ist es ein Fundament fürs Leben. Jeder braucht schließlich ein Zuhause!

Herr Caspar, wir danken Ihnen für das Gespräch und wünschen einen guten Start für die Wohnungsnotfallhilfe!

Sebastian Caspar ist 43 Jahre alt und Diplom-Sozialpädagoge (FH). Er war bisher in der Flüchtlings- und der Schulsozialarbeit tätig, wobei Letztere ihn bis nach China und in die Schweiz geführt hat. Als Autor diverser Gedichtbände und Romane (u. a. über Crystal Meth) ist er auch in der Drogen-Präventionsarbeit an Schulen unterwegs.