„Keiner soll zu kurz kommen oder zurück bleiben“: Interview mit Schulsozialarbeiterin Nadja Widera

25.04.19

Ganz oben unterm Dach befindet sich das Büro von Schulsozialarbeiterin Nadja Widera. Hier gibt es für die Schüler einen Sitzsack zum Entspannen, einen Boxsack zum Wutablassen, eine Taschentücherbox für ihre Tränen – und ein offenes Ohr. Seit eineinhalb Jahren ist Nadja Widera an der Oberschule Pegau hier für die Schüler da. Wir sprachen mit der Diplom-Sozialpädagogin über Hilfen bei Konflikten, Prüfungsangst und Liebeskummer sowie über Hausforderungen für Eltern und Lehrer.

Diakonie Leipziger Land: Wie beginnen Sie einen normalen Arbeitstag?

Nadja Widera: Nahezu jeden Morgen um 7.15 Uhr stehe ich, meist gemeinsam mit der Schulleiterin Barbara Gollan, am Eingang und begrüße die Kinder und Jugendlichen. Damit möchte ich ihnen das Signal senden: „Ich bin für Euch da“. Bei manchen sehe ich gleich, wie es Ihnen geht – es sind oft die kleinen Signale, die man mit der Zeit zu deuten lernt. Wiederum andere Schüler nutzen gleich die Gelegenheit und  vereinbaren einen Gesprächstermin.

Was bewegt die Schüler am meisten?

Bei manchen ist es das Zurechtkommen im Klassenverband, weil angemessene Reaktionen im Miteinander schwerfallen. Bei der Mehrzahl aber sind es familiäre und auch psychische Probleme, die das Lernen und Konzentrieren sehr erschweren.  Mit Beratungen habe ich gut zu tun. Mein Hauptaugenmerk ist daher die intensive Einzelfallhilfe.

Wie erklären Sie sich diese Zunahme von Problemen?

Familien und Eltern stehen vor großen Anforderungen: Teilweise ist es der  Anspruch an schulische und berufliche Leistungen, es gibt Geldsorgen oder psychische Probleme. Häufig bleibt dabei zum Beispiel die Zeit für ein ruhiges gemeinsames Abendessen in Familie auf der Strecke, bei dem man sich austauschen kann. Viele kommunizieren fast ausschließlich über die sozialen Medien und kaum noch direkt miteinander. Dabei bleibt so mancher am Ende des Tages doch wieder allein mit seinen Problemen, aus Angst davor, die ohnehin gestressten Eltern noch mehr zu belasten. In der Schule zeigen sich dann diese Probleme mitunter im Leistungsabfall oder anderen Verhaltensauffälligkeiten.

Wie versuchen Sie den Schülern zu helfen?

Zunächst  ist es mir wichtig, zuzuhören, da zu sein und Vertrauen aufzubauen. Manche Anliegen können schnell „geklärt“ werden, wenn es z.B. um kleinere Streitereien geht. Vieles ist aber auch sehr komplex. Gemeinsam mit dem Schüler versuche ich ein Stück weit hinter das eigentliche Problem zu schauen. Schüler mit Prüfungsangst z.B. kommen oft mehrere Wochen zu Terminen, in denen wir Strategien im Umgang mit Angst besprechen. Manche Schüler begleite ich über Jahre.

Oft bleibt es sicher auch nicht bei Gesprächen mit den Schülern.

Mit den Eltern arbeite ich fast genau so viel wie mit den Schülern. Die Eltern gehören mit ins Boot, wenn man die Kinder verstehen will und ihre Beteiligung ist sehr wichtig. Ebenso wie die Zusammenarbeit zwischen mir und den Lehrern. Ohne dieses große gegenseitige Vertrauen wäre vieles nicht möglich.

Bestimmt kommen Sie mitunter auch an Ihre Grenzen.

Manche Probleme sind so vielschichtig, dass sie nicht hier in meinem Büro gelöst werden können. Ich hatte zum Beispiel ein Mädchen mit ganz massiven Ängsten und psychischen Problemen bis hin zur Selbstverletzung. Die Eltern hatten sich getrennt und der Schulabschluss stand in Frage. Es gab Gespräche mit ihr, den Eltern und Lehrern. Um die Familie zu unterstützen, haben wir unser gutes Netzwerk genutzt und konnten schnell an die Familienberatungsstelle der Diakonie Leipziger Land und an Psychotherapeuten weitervermitteln.

Was wünschen Sie sich von Seiten der Politik?

Eine Schule von innen anzusehen, den Alltag und die fehlende Digitalisierung unter die Lupe zu nehmen, wäre schon ein erster Schritt. Inklusion ist eine gute Idee, bei der Umsetzung ist aber noch viel Luft nach oben. Da kommen wir oft an Grenzen, zum Beispiel mit autistischen oder hoch aggressiven Kindern. Hier sind qualifizierte Schulbegleiter, Fortbildungen für Lehrer und kleinere Klassen nötig. Letzteres bringt allen etwas: An die 30 Schüler pro Klasse sind einfach zu viel. Für Gruppenarbeit ist der Lärmpegel zu hoch, etwas anderes als Frontalunterricht ist da oft gar nicht möglich.

Abgesehen von den intensiven Beratungen und Einzelfallhilfen – woran arbeiten Sie darüber hinaus?

Ich unterstütze Projekte zum Sozialen Lernen oder Mobbing und bin Teil des „Lehrer- Innovation-Teams“. Außerdem koordiniere ich den Schülerrat, um die Schüler in Sachen Beteiligung zu stärken.

Vielen Dank für das Gespräch!

„Kleine Schritte gehen und gemeinsam herzhaft lachen“

Bei ihrer Arbeit hat Nadja Widera viele berührende Erlebnisse. Kleine Schritte sind oftmals schon ein Erfolg. Sie erinnert sich zum Beispiel an ein sehr aggressives Kind mit einer „unheimliche Zerstörungswut“, der etliche ihrer Stifte zum Opfer gefallen sind. Mit jedem Treffen wurde das Kind ruhiger und akzeptierte Regeln immer besser. „Ich nehme sie so an, wie sie sind“, sagt Nadja Widera. Hier müssen sie nicht funktionieren oder die richtigen Antworten geben und können auch mal Wut ablassen. Bei alledem werden in Nadja Wideras Büro nicht nur Probleme gewälzt. Viele Schüler kommen auch vorbei, um ihr von einem schönen Erlebnis zu erzählen. Sie essen dann bei der Sozialarbeiterin ihr Pausenbrot oder spielen Memory –  und dabei wird dann oft herzhaft gemeinsam gelacht.