„Umweltschutz muss auch Spaß machen“: Interview mit der neuen Referentin für Fragen der Schöpfungsverantwortung

29.09.2020

An der Heimvolkshochschule Kohren-Sahlis (HVHS) gibt es ein neues Gesicht: Ab 1. Oktober wird Anne Römpke hier als Referentin für Fragen der Schöpfungsverantwortung tätig sein. Wir sprachen mit der 33-jährigen Umweltpsychologin über kleine Schritte auf dem Weg zum großen Ziel, Spickzettel im Einkaufskorb, den Zusammenhang von Umweltschutz und Nächstenliebe sowie die beste Strategie im Kampf gegen den „inneren Schweinehund“.

Frau Römpke, der Name für Ihre neue Aufgabe klingt ein wenig sperrig. Was genau werden sie als Referentin für Fragen der Schöpfungsverantwortung tun?

Ich werde Ansprechpartnerin für die Kirchgemeinden sein, sie bei Fragen zum Umweltschutz beraten und unterstützen. Die Arbeit mit Kirchgemeinden ist ein Herzensthema für mich. Ich möchte Multiplikatoren und Multiplikatorinnen schulen und Bildungsarbeit leisten.

Porträt Anne Römpke

Sie waren in dieser Mission bereits zwei Jahre in Brandenburg unterwegs. Wie sah Ihre Arbeit dort konkret aus?

Eine Kirchgemeinde wollte zum Beispiel umweltfreundlicher unterwegs sein. Zu den Ergebnissen gehört unter anderem, dass der Pfarrer jetzt viele seiner Dienstfahrten mit dem Fahrrad macht. Die Schwerpunkte einer anderen waren nachhaltiger Einkauf und die Aufforstung im Kirchwald. Ich möchte nichts überstülpen, sondern gemeinsam mit den Gemeinden schauen, was sie ändern wollen und können, denn die Gemeinden kennen sich selbst natürlich viel besser als ich. Mein Ziel ist, sie dabei zu unterstützen. Es gibt hier schon viel Gutes, an das ich anknüpfen möchte.

Wie fit sind christliche Gemeinden bisher im Bereich Umweltschutz?

In Predigten, Fürbitten und Kollekten ist dies durchaus Thema. Aber relativ wenig davon wird im eigenen Handeln umgesetzt. Dabei können alle mit ihren eigenen Gaben direkt loslegen. Wie wir mit der Schöpfung umgehen, hat großen Einfluss auf das Wohlergehen von anderen Menschen. Das ist für mich ganz praktische Nächstenliebe und aktive Friedensarbeit. Meine Vision ist, dass die christliche Kirche wieder zu einer starken Akteurin im Umweltschutz wird. Damit tragen wir unsere Botschaft von Schöpfungsbewahrung und Nächstenliebe aktiv in die Welt und das wird auch außerhalb der Kirchenmauern wahrgenommen. Der christliche Glauben ist viel mehr als nur der Gottesdienst am Sonntag, sondern etwas Kraftvolles, das Dinge in Bewegung bringt.

Was hindert aus Ihrer Sicht Menschen daran, sich umweltbewusst zu verhalten?

Studien haben gezeigt, dass Menschen gern ökologischer leben wollen, aber oft an der Umsetzung scheitern. Eine bloße Wissensvermittlung reicht meist nicht aus. Natürlich ist es wichtig, den Tatsachen ins Auge zu sehen. Wenn ich aber ausschließlich Bedrohungsszenarien ausmale, erzeugt das nur Verdrängung, Hilfslosigkeit oder das Gefühl, ja doch nichts tun zu können.

Wo müsste man stattdessen ansetzen?

Alternativen anbieten und aufzeigen, was man konkret machen kann. Jede und jeder Einzelne müssen erleben, dass sie tatsächlich einen Unterschied bewirken. Gemeinsam ist viel mehr möglich und dieses Gemeinschaftsgefühl ist machtvoll. Auch deshalb schätze ich die Kirchgemeinden vor Ort sehr – und die Christen als weltweite Gruppe. Wir sind viele und können zusammen viel bewegen.

Mit Gewohnheiten zu brechen, ist trotzdem nicht einfach. Wie kann man den „inneren Schweinehund“ bezwingen und dauerhaft dranbleiben?

Eine Möglichkeit ist, neue Gewohnheiten aufzubauen, die die alten gewissermaßen überschreiben. Wenn man sich vornimmt, regionaler einzukaufen, kann man sich z. B. einen kleinen Zettel in den Einkaufskorb legen, der einen daran erinnert. Am Anfang ist es vielleicht mühsam, aber dann wird es Routine. Hilfreich ist auch, das Ganze mit einem positiven Erlebnis zu verknüpfen und sich Verbündete zu suchen. Wenn man zum Beispiel eine Kleidertauschparty organisiert, ist das ein schönes gemeinsames Erlebnis. Umweltschutz muss auch Spaß machen, sonst hält der Elan nicht lange.

Wie sieht Ihr ganz persönlicher, umweltbewusster Lebensstil aus?

Ich verzichte z. B. auf Flugreisen und Autofahrten. Meinen Arbeitsweg von Naunhof nach Kohren-Sahlis werde ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln plus Fahrrad oder via E-Moped zurücklegen. Ich verzichte weitgehend auf neue Dinge, kaufe also möglichst in Tausch-, Second-Hand- oder Verschenk-Läden und bin Mitglied einer Bio-Genossenschaft. An vielen Stellen kämpfe ich aber noch mit meinem eigenen Schweinehund. Zum Beispiel geht mir das Gärtnern nach wie vor nicht richtig von der Hand, obwohl ich auf dem Land aufgewachsen bin. Da freue ich mich sehr, von anderen zu lernen.

Was wären kleinere Schritte, mit denen man den Weg in die richtige Richtung beginnen könnte?

Da gibt es tausend Möglichkeiten! Zwei Menschen, die ihren Fleischkonsum halbieren, sind in der Summe ein ganzer Vegetarier. Ein guter Anfang ist auch, Fernreisen zu reduzieren und stattdessen die schöne nähere Umgebung zu entdecken. Alles von heute auf morgen zu ändern, ist utopisch und frustrierend. Wir dürfen uns nicht überfordern und müssen uns wohlfühlen mit dem, was wir tun. Wer normalerweise auf tierische Lebensmittel verzichtet, sich aber einmal im Monat eine Sahnetorte gönnt, wird diese ganz bewusst genießen. Auch das passt zur Philosophie der vielen kleinen, gemeinsamen Schritte.

Ihre Doktorarbeit beschäftigt sich mit dem Einfluss von internationalen Kontakten auf das globale Verhalten. Sie haben in Erfurt und Leipzig sowie im Ausland studiert. Was reizt Sie jetzt an der Arbeit im ländlichen Kohren-Sahlis?

Es ist ein wunderschöner Ort mit einem inspirierenden Arbeitsumfeld. Schwerpunkt der HVHS ist der ländliche Raum, in dem ich viel Potential sehe. Die Menschen hier leben Umweltschutz – oft ohne sich dessen bewusst zu sein, indem sie zum Beispiel ihr Gemüse im eigenen Garten anbauen. Ich freue mich auf meine neue Arbeit und darauf, das Netzwerk in Sachsen weiter auszubauen und noch mehr aktive Gemeinden ins Boot zu holen. Hier kann ich auf der engagierten Vorarbeit von zahlreichen Aktiven aufbauen und hoffe, von den vorhandenen Erfahrungen zu lernen. Zur Arbeit in der HVHS gehört zudem, dass ich Beauftragte für Schöpfungsverantwortung bei der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens bin.

Vielen Dank für das Gespräch und einen guten Start!