„Ein friedlicher Zufluchtsort“ in Kohren-Sahlis: Heimvolkshochschule nimmt Ukrainerinnen und ihre Pflegekinder auf

08.04.2022

Im Foyer der Heimvolkshochschule Kohren-Sahlis (HVHS) ist Leben: Auf den Tischen stehen Brettspiele und Bausteine, am Tresen wird gespendete Kleidung angeboten und in einer Ecke schaut ein Junge sehr aufmerksam auf sein Handy. Er zockt nicht etwa, sondern verfolgt damit den Online-Unterricht seiner Schule im rund 1.200 Kilometer entfernten ukrainischen Chmelnitzky. Der Junge gehört zu einer Gruppe von 21 Geflüchteten, die vorige Woche in der HVHS aufgenommen worden sind. „Nachdem wir die schlimmen Bilder aus der Ukraine gesehen hatten, wollten wir schnell helfen“, sagt Manuela Kolster, in der HVHS Referentin für Umwelt und ländliche Entwicklung. Und da im Haus nach zwei Jahren Corona-Zwangspause ohnehin noch Schmalspurbetrieb herrscht, bot es sich geradezu an, die Türen für die Menschen aus der Ukraine zu öffnen.

HVHS nimmt Ukrainerinnen auf

Die Geflüchteten sind Pflegemütter mit ihren Kindern, darunter auch Olga Demidova. „Immer wieder gingen die Sirenen, auch nachts“, erzählt die couragierte Frau, die mit ihrer Schwester vier Kindern ein Zuhause bietet. Nachdem immer mehr Gebäude in der Stadt zerstört wurden, die Angst der Kinder wuchs und die Bilder aus Städten wie Mariupol stetig schlimmer wurden, entschloss sie sich, aus der Stadt zu fliehen. „Wir haben alles hinter uns gelassen, um unsere Kinder und deren Psyche zu retten“, sagt sie. Als Pflegekinder hätten sie schon genug Schlimmes erleben müssen. Olga Demidova und ihre Schwester finden Halt und Hoffnung in ihrem Glauben, aber das Trauma sitzt bei vielen tief. Manche Mütter weinen häufig, ein Junge hat angefangen zu stottern. Die idyllisch gelegene HVHS mit Spielplatz und Sportraum, umgeben von Wiesen und Wald, will für sie gern ein friedlicher Zufluchtsort sein, an dem sie Ruhe, Sicherheit und Freundlichkeit finden.

Die Verständigung funktioniert mit Händen und Füßen, ein paar Brocken Englisch und Russisch sowie Übersetzungs-Apps. Ein wichtiges Sprachrohr ist Angela Pawelczyk-Baran geworden, die vor Jahren aus der Ukraine nach Deutschland kam und heute „wegen der Liebe“ in Kohren-Sahlis lebt. Sie übersetzt, zeigt die Bushaltestelle und begleitet zum Arzt – alles ehrenamtlich. Zu weiteren Puzzle-Teilen der Hilfe gehören auch Minka von Breitenbuch, die Deutschunterricht anbietet, außerdem eine Spende des Eilenburger Online-Händlers SportSpar.de: mehrere Kisten mit Bällen, Tischtennis-Sets und Federballspielen. „Das Equipment hilft dabei, sich auszupowern, Freundschaften zu pflegen und den Kopf freizubekommen“, so Manuela Kolster.

Die Kirchgemeinde hat den Ukrainerinnen eine Küche im Gemeindehaus zur Verfügung gestellt, in der sie letztens ein Dank-Essen für die Helferinnen und Helfer gezaubert haben. „Es ist ein Glück, hier zu sein“, so Olga Demidova. „Wir wurden sehr herzlich aufgenommen!“ Und dann sagt sie mit leuchtenden Augen eines der ersten Wörter, die sie neben „Guten Tag“ und „Alles gut“ gelernt hat: „Dankeschön!“