E-Paper Ausgabe der Leipziger Volkszeitung
Datum: 27.08.2011
Nahm Hilfe in Anspruch: Isabelle Just mit den Mitarbeiterinnen des Hospizdienstes Ulrike Müller und Helge Heinze (von rechts).Foto: André Neumann
Angst vor dem Tod
Hospizdienst in Grimma wird kaum nachgefragt / Organisation macht Vorurteile dafür verantwortlich
Grimma. Der Hospizdienst in Grimma kämpft um seine Zukunft. Das Angebot wird nicht so angenommen, wie es sich die Initiatoren wünschen.
Wenn der Tod naht, wenn Krankheit unheilbar scheint, dann ist niemand gern allein. Und dennoch: Anja Schneider und Ulrike Müller, die beiden Koordinatorinnen des in Grimma ansässigen Hospizdienstes bedauern, dass das Angebot der Einrichtung der Diakonie im Leipziger Land derzeit nicht ausreichend angenommen wird. Zu wenige Sterbende beziehungsweise deren Angehörige nehmen die Hilfe der derzeit 21 ehrenamtlichen Hospizhelfer und Hospizhelferinnen in Anspruch. Konkrete Zahlen möchte Ulrike Müller nicht nennen, aber sie erinnert sich, dass noch vor ein bis zwei Jahren fast täglich das Telefon klingelte. Jetzt sei es anders. "Jetzt", sagt Ulrike Müller, "wünschen wir uns, dass wir und unsere Ehrenamtlichen mehr gefordert wären."
Die geringe Nachfrage beim Hospizdienst bedeutet nicht, dass weniger gestorben wird. Ulrike Müller sieht den Hospizdienst viel mehr Vorurteilen gegenüber stehen. Vorurteile, die daher rühren, dass Menschen selbst, wenn sie schon mit dem Tod konfrontiert sind, ihn nicht an sich heranlassen wollen. Das schlägt sich dann in Ablehnung oder in der Aufforderung nieder, das Dienstauto doch bitte nicht vor der eigenen Tür zu parken. Doch Ulrike Müller und ihre Mitarbeiter bringen nicht den Tod. Sie wollten zeigen, "dass auch im Sterben Lebensqualität liegt", wie sie sagt.
Dabei erkennt die Koordinatorin natürlich an, dass ein Patient oder Angehörige "eine hohe Schwelle überschreiten müssen", um die in jedem Fall kostenlose Hilfe des Hospizdienstes anzunehmen. Die Kontaktaufnahme erfolgt in aller Regel mit einem Beratungsgespräch. Dazu treffen sich die Koordinatorin und der oder die Ehrenamtliche Helferin mit dem Sterbenden und den Angehörigen. Die Ansprechpartner bleiben für die gesamte Zeit der Zusammenarbeit die gleichen Personen. Sie leisten psycho-soziale Betreuung, nur wenn gewünscht auch spirituelle Betreuung in verschiedenen Konfessionen. Dabei gilt die Hilfe nicht nur den Sterbenden. Es gibt Fälle, in denen Patienten mit ihrer Situation besser umgehen können, als Angehörige.
Die ehrenamtlichen Hospizhelfer sind Menschen aller Altersgruppen, von Mitte 20 bis zum Rentenalter. Ihre Motive sind unterschiedlich, die Erfahrungen oft gegensätzlich: Die einen haben in der eigenen Familie erlebt, wie erleichternd es sein kann, wenn in den schweren Wochen, Tagen und Stunden vor dem Tod jemand da ist. Andere haben das genaue Gegenteil erfahren. Wer als ehrenamtlicher Hospizhelfer mitarbeiten will, absolviert nach einem eingehenden Gespräch eine rund 100 Stunden dauernde Ausbildung mit anschließendem Praktikum.
Deren Arbeit endet in der Regel mit oder nach dem Tod eines Betreuten. Doch es gibt auch Ausnahmen. Isabelle Just war, als Ulrike Müller und die Ehrenamtliche Helferin Helge Heinze sie kennenlernten, dem Tode nah. Innerhalb eines Jahres habe die Frau ihr Leben von Grund auf verändert und "mit einem wunderschönen Gespräch endete unsere Arbeit mit ihr", erinnert sich Ulrike Müller und sagt: "Wir begleiten zwar in der Regel in den Tod, aber wir sind auch für das Leben da."
André Neumann
Kontakt für Hilfesuchende und Helfer: 03437/925025. Infoveranstaltung am 29. August zu Patientenverfügung. Beginn 17 Uhr, Diakonie, Bockenberg 3